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Traditionsgemäß angesehen erstrebt die verteilende (distributive) Gerechtigkeit eine gerechte Verteilung von Rechten sowie Pflichten, Gütern sowie Belastungen, auf der Basis eines der drei Grundsätze: (1) für jedermann gleich (auf Grund der Zugehörigkeit zu den Menschen überhaupt); (2) für jedermann auf Grund der Leistung (messbar auf Grund der hinzukommenden Kriterien); (3) für jedermann den Bedürfnissen entsprechend (die naturgegebenermaßen vollkommen subjektiv ausgedrückt werden). Die Dreieinigkeit der verteilenden Gerechtigkeit führt allemal von neuem ebenfalls theoriebezogene, zuallererst jedoch enorme praktische Schwierigkeiten herbei, da sich als wesentliche Voraussetzung für jegliches praktisches Räsonieren sein unaufhörliches Begegnen mit der Dürftigkeit erweist, wobei die Befriedigung der subjektiv "gerechtfertigten" fürwahr realisierbar ist, doch lediglich unter der Bedingung der Einführung einer transsubjektiven Ebene der Legitimierung von Verteilung (die im Sonderfall (3) sich selbst abschafft, den festgesetzten Grundsatz annehmend). Unter den maßgebenden politisch-systembedingten Konstruktionen unserer Zeit wurde im Wesentlichen unterschieden, gerade auf Grund der zugrunde liegenden Interpretation der verteilenden Gerechtigkeit, die als Grundlage für den kompletten "Überbau" fungierte. Im Grunde genommen akzeptierte das kapitalistische System die Variante (2), während das realsozialistische /kommunistische die These zum Ausgangspunkt nahm, wo im allgemeinen die Variante (1) eine korrekte Legitimierung der Ordnung ermögliche. Die postkommunistische Praxis in den Transitionsländern - könnte man nahezu ausgeben - wies empirisch auf die in Wirklichkeit unhaltbare, tragfähige methodische Annahme RawlsÕ hin. Was er den "Schleier des Nichtwissens" nennt (übernommen von John Harsany), ist als eine Schilderung der Lage um den Übergang zum Jahr 1990 (1989/1990) nicht zur Gänze unverwendbar. Zahlreiche ehemalige Untertanen - plötzlich sich selbst in der Position des Staatsbürgers vorgefunden - zeigten sich ausserstande, die Gelegenheit sowie Gefahr konsequentermaßen zu begreifen. Als sie, nämlich, in die quasirawlssche Position gerieten, optierte selten jemand für den theoriemäßig vorausgesetzten "Maximin-Standpunkt".

"Maximin-Standpunkt"
Im Rahmen der Rawlsschen Auffassung setzt die ganze Ableitung bakanntlich mit dem Grundsatz der voraussetzenden Gleichheit ein. Er lautet: Sämtliche Sozialgüter gilt es gleichmäßig zu verteilen, ausgenommen für den Fall, dass die ungleichmäßige Verteilung allen zugute käme. Als typisch für die weltanschaulichen Grundlagen der Rawlsschen Zergliederung zeigt sich das Fokussieren auf die Gruppenposition derjenigen, denen im fiktiven System die Rolle des Unterlegenen zukäme (der erst anscheinend paradoxe Grundsatz (1) wird gerade im Namen der Angleichung der Gesellschaftsmitglieder korrigiert). An dieser Gruppe wird mittels spezifischer gedanklicher Experimente examiniert, ob die gesamte Konstruktion den gesetzten Zielen gleichkommt. Bloß wenn eine so erdachte, demnach unprivilegierteste Gruppe, in den Verhältnissen der ungleichmäßigen Verteilung besser abschneiden kann, sollte sie der gleichrangigen vorgesetzt sein. In der modernen Welt des Überflusses (treffender: in dem so benannten Teil der modernen Welt) - die Rawls freilich vorrangig ins Visier fasst - nimmt dieses Argumentationsgefüge komplexere Formen an, weil den Einzelpersonen samt Gruppen eine Reihe verschiedener Güter gegenübersteht, und zwar von diversem Wichtigkeitsgrad - je nach Einzelperson oder Gruppe. Aus diesem Grund teilt Rawls die grundlegenden Sozialgüter in drei Klassen ein; rangunterscheidend angeordnet lauten sie: Primärfreiheiten (wirtschaftliche, persönliche, intelektuelle und politische), die Gelegenheit zur Erklimmung gesellschaftlicher Wunschpositionen, wie auch Einkommen und Gesundheit. Infolgedessen wird der Basisgrundsatz in drei Punkte zergliedert: Der Grundsatz der gleichen größtmöglichen Freiheit; der Grundsatz der fairen (gerechten) Chancengleichheit; das Differenzprinzip. Der Grundsatz der gleichmäßigen Freiheit wird anderen vorgezogen, im diesbezüglichen Kontext steht er aber für die Möglichkeit aller ein, ihre Freiheit im Bereich eines eigenartigen "Wohlfahrtsliberalismus" zu genießen, d.h. in einem System, das danach trachtet, die Grundsätze des Liberalismus mit etlichen der prinzipiell interpretierten Errungenschaften des sgn. Wohlfahrtsstaates in Einklang zu bringen.

"Ursprünglichen Situation"
Diese Grundsätze sind vermutlich auf diejenigen abgestimmt, die - als Basis für die künftige Gesellschaft - von den Menschen im vorgesellschaftlichen Zustand, in der sgn. "ursprünglichen Situation", gewählt würden. Damit greift diese Theorie - indem sie die utilitären methodischen Voraussetzungen zu korrigieren sucht - auf eines der tragfähigen Postulate der Theorien des Gesellschaftsvertrags zurück, die sich als charakteristisch für die politische Modernetheorie entpuppen (für die gegenseitig so unterschiedlichen Autoren wie Grotius, Hobbes, Locke, Rousseau, Kant, usw.). Zudem liegt das Besondere an dem Rawlschen Anhaltspunkt darin, dass die Entscheidung der Menschen in der "ursprünglichen Situation" über die Ordnungsgrundsätze der Zukunftsgesellschaft hinausgeht, die dann im Grundgesellschaftsvertrag ihre Widerspiegelung finden würden, aber auch darin, dass die Prozedur der Grundsatz-auswahl selbst mit ihren inhaltlichen Thesen übereinstimmt. Dies läßt sich, wie seit langem bekannt, nur unter der Voraussetzung verbürgt erlangen, dass die Subjekte in der Urstellung zweifellos gut sind, oder eben, sollte man davon ausgehen, dass sie in Anbetracht ihrer möglichen Stellung in der entsprießenden Gesellschaft im dunkeln tappen. In dem zweiten Fall - den Rawls für passabel befindet - wird eine übertrieben strikte Voraussetzung beseitigt, die in puncto Zukunftsordnung eine von innen heraus verbürgte Rationalität sowie Moralität der ursprünglichen Verhandler impliziert, was durch ihren prozedurellen, außenbedingten Zwang zum Gerechtigkeitsverhalten erklärbar ist. Sie befinden sich, grobgesagt, in der Lage eines Menschen, dem bei einer Geburtstagsfeier die Teilung der Torte anvertraut wurde, und welcher sich dessen bewusst ist, sich erst an der letzten Schnitte erfreuen zu können, was ihn automatisch nötigt, alle Schnitten möglichst gleich abzuschneiden, um im Endeffekt nicht selbst beschädigt zu werden (die einzige Bedingung ist, selbstverständlich, dass ihm viel an der Torte liegt, und wenn schon das Rawlssche Beispiel von der Gesamtheit der Gesellschaftsgüter handelt, liegt es jedem, auf diese oder jene Weise, unzweifelhaft viel an ihnen).

"Schleier des Nichtwissens"
Die beschriebene Eigenschaft der ursprünglichen Verhandler, von ihrem herannahenden Geschick in der Gesellschaft gar keine Kenntnis zu haben, nennt Rawls den "Schleier des Nichtwissens". Vielmehr sind ihre eigenen Interessen ihnen unbekannt; sie können nichts weiter als diejeningen Interessen veranschlagen, die in der künftigen Gesellschaftsorganisation vorstellbar sind. Folglich werden sie nach der Position bestrebt sein, die bestmöglich - oder wenigstens unzulänglich - allesamt denkbaren Interessen entgegenkommt (natürlicherweise unter der Bedingung, dass sie der Sicherheit, im Vergleich zum Risiko, größere Priorität einräumen). Die Option, einige der konkreten Interessen zu maximieren, ist daher, dem Anschein nach, nicht rational; hingegen könnte man die von Rawls benannte Maximin-Strategie mit einem solchen Merkmal versehen, d.h. die Maximierungsstrategie der minimalen, mithin schlechtesten Position im Hinblick auf jedes der Gesellschaftsgüter. Somit wird, auf eine andere Art und Weise, die Gleichheit garantiert, als Voraussetzung für eine Gesellschaftsordnung analog dem Gerechtigkeitsprinzip. Die Vorsicht, die Rawls als gewisse Strategie der Menschen der ursprünglichen Situation walten läßt, und die sie notwendigerweise zur Annahme des Maximin-Kriteriums führt, ist tatsächlich erst eine korrektive Eigenschaft, verglichen mit der ursprünglich vorgesetzten, genauer gesagt mit der Gier (insofern betont es, das sozial selektive allerdings, das dritte der einleitenden Prinzipien). Eine Kombination zweier dieser Eigenschaften wird die Subjekte veranlassen, die in der ursprünglichen Situation eigentlich Grundsätze der Zukunftsgesellschaft vereinbaren, überaus achtsam zu handeln, mit der Absicht, eigene Aussichten in den schlechstmöglichen Zuständen zu verbessern. Eine solche Hypothese von der notwendigen Handlungsrationaliät der Menschen, die nichts von eigenen sozialrelevanten Charakteristika wissen, kann indessen auf Schwierigkeiten stoßen, zieht man die Möglichkeit in Erwägung, dass bei ihnen Risikobereitschaft herrscht, Neigung zum Hasard, was offensichtlich dem Rawlsschen Rationalitätsbegriff widerspricht. Unausführbares "Maxi-maxi" Im postkommunistischen Zustand optierte die Mehrheit für etwas, was sie sich (verständlicherweise illusorisch) als eigenartiges, real ja unausführbares "Maxi-maxi" erhofften. Viele kamen etwa auf den Gedanken: "Ich wage mich auf den freien Markt, bin befähigt genug, dabei eigene Qualitäten in die Tat umzusetzen, genügend habe ich unter dem politisch-ideologischen Druck des Ex-Regimes gelebt; der Zeitpunkt ist gekommen, wo sich mein Potential (marktorientiert) zu verwirklichen hat." Dies bezieht sich sowohl auf den Güter-, als auch auf den Ideenmarkt. Unter solchen Umständen wird die Theorie nicht nur des öfteren in den Hintergrund gedrängt, sondern auch objektiv unbrauchbar - überdies - die Souveränität eines Individuums wird populär als ein Imstandesein gedeutet, sich über Allgemeingrundsätze hinwegzusetzen. Dennoch bringen das Abklingen der kollektiven Befreiungseuphorie, sowie das permanente Elenddasein, den Rationalisierungsanspruch in die Szene. Der ist jedoch, in aller Regel, an die Staatsaktivität gekoppelt. Von dem Staat wird (insbesondere weil er im Postkommunismus schließlich und endlich "unserer" werden sollte - zumindest im ethnischen Sinne) die Einführung einer gerechten Verteilung erwartet. Doch ihre Ausführungsprinzipien werden (weiterhin meistens unbesonnen) erst dann in Erwägung gezogen, wenn der (steuerartig ausgedrückte) Preis der Verteilung allen vor Augen erscheint. Und dann ist es in vielerlei Hinsicht bereits zu spät.

Der Autor ist Professor für Philosophie der Politik an der Philosophischen Fakultät in Zagreb.